Häufigkeit

Wie oft kommt Gewalt in der Pflege vor?

Wie häufig es in der Pflege zu Gewalt kommt, ist nicht genau bekannt. Bisher gibt es nur wenige Daten. Doch sicher ist: Gewalt in der Pflege ist ein relevantes Problem. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.

Erforschung von Gewalt in der Pflege

Es ist schwierig, die Häufigkeit von Gewalt in der Pflege zu erforschen. Das hat mehrere Gründe: Gewalt kommt in ganz unterschiedlicher Art vor und wird nicht immer als solche erkannt. Außerdem kommt es vor, dass über Vorfälle nicht gesprochen wird, zum Beispiel aus Angst oder Scham.

Pflegebedürftige können zudem nur selten direkt zu ihren Gewalterfahrungen befragt werden. Gerade Menschen mit Demenz sind nur eingeschränkt auskunftsfähig. Daten zu Gewalt in der Pflege werden daher häufig über Befragungen von Pflegenden und Versorgungseinrichtungen erfasst. Die Ergebnisse sind in der Regel nicht repräsentativ für Deutschland und hängen auch davon ab, wie die Fragen gestellt wurden. Deshalb sind die Zahlen aus verschiedenen Studien nicht direkt vergleichbar.

International gibt es wenige Studien, die spezifisch Gewalt in der Pflege beleuchten. Vielmehr wird sie als Sonderfall der Forschung zur Gewalt gegen Ältere thematisiert.

Dennoch ist es möglich, in der Zusammenschau und Bewertung verschiedener Quellen näherungsweise Aussagen darüber zu treffen, wie häufig Gewalt in der Pflege in Deutschland vorkommt.

Gewalt in der professionellen Pflege

In einer Befragung des ZQP im Jahr 2017 gaben 47 Prozent der Pflegedienstleitungen und Qualitätsbeauftragten an, dass Konflikte, Aggression und Gewalt in der Pflege Themen sind, die stationäre Pflegeeinrichtungen vor ganz besondere Herausforderungen stelle. Bei einer Befragung über die Vernachlässigung und Misshandlung ambulant versorgter Pflegebedürftiger, die unter anderem vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen durchgeführt wurde, gaben 40 Prozent der Teilnehmer zu, sich innerhalb des letzten Jahres mindestens einmal so verhalten zu haben, dass es in der Studie als Misshandlung oder Vernachlässigung eingestuft wurde. In einer ähnlichen Befragung von Pflegekräften in stationären Einrichtungen in Hessen berichteten dies sogar 72 Prozent der Teilnehmer. Am häufigsten wurden psychische Misshandlung, pflegerische und psychosoziale Vernachlässigung gefolgt von physischer Misshandlung bis hin zu mechanischer und medikamentöser Freiheitseinschränkung genannt. Sexuelle Übergriffe wurden nicht berichtet.

Auch die internationale Forschung zeigt, dass das Risiko von Pflegebedürftigen in stationären Einrichtungen Gewalt zu erfahren, eher höher ist als das von ambulant versorgten Personen.

Laut dem Qualitätsbericht des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) von 2014 kommen freiheitsentziehende Maßnahmen oft vor – teilweise ohne richterliche Genehmigung. Pharmakologisch ausgerichtete Studien legen den Schluss nahe, dass zu diesem Zweck häufig Medikamente eingesetzt werden.

Auch Pflegende erfahren Gewalt. Sie sind vor allem verbalen Angriffen ausgesetzt, aber auch körperliche Gewalt kommt immer wieder vor – insbesondere in der stationären Pflege. Ein erhöhtes Risiko haben Pflegende, die Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Verhaltensstörungen betreuen.

Gewalt und Pflege in der Familie

Gewalt kommt auch in der Pflege durch Familienangehörige vor. Wenn pflegende Angehörige in Befragungen von unangemessenem Verhalten gegenüber dem Gepflegten berichten, handelt es sich meist um verbale Aggressionen. Über körperliche Gewalt wird hingegen selten berichtet.

Auch in einer ZQP-Studie berichtete 2018 etwa die Hälfte der befragten pflegenden Angehörigen von psychischer Gewalt seitens des Pflegebedürftigen, zum Beispiel durch Anschreien oder Beleidigen. Elf Prozent haben körperliche Gewalt wie grobes Anfassen oder Schlagen erlebt. 32 Prozent der Befragten gaben an, im abgefragten Zeitraum psychische Gewalt gegen die pflegebedürftige Person angewendet zu haben. Zwölf Prozent berichten von körperlicher Gewalt, elf Prozent von Vernachlässigung.

Gewalt zwischen Bewohnern in Pflegeeinrichtungen

Es gibt international auch einige Studien, die Aggressionen zwischen Bewohnern von stationären Einrichtungen untersuchen. Das erste Projekt dazu in Deutschland wird zurzeit gemeinsam vom ZQP und der Deutschen Hochschule der Polizei (DHPol) durchgeführt und vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.

QUELLEN
Castle, N., Ferguson‐Rome, J. C., & Teresi, J. A. (2015). Elder abuse in residential long‐term care: An update to the 2003 National Research Council report. Journal of Applied Gerontology, 34, 407‐43.
Eggert, S., Schnapp, P., & Sulmann, D. (2017). ZQP-Analyse: Gewalt in der stationären Langzeitpflege. In Zentrum für Qualität in der Pflege (Hrsg.), Gewaltprävention in der Pflege (S. 13-24).
Görgen, T. (2017). Wissen über das Phänomen Gewalt in der Pflege. In Zentrum für Qualität in der Pflege (Hrsg.), Gewaltprävention in der Pflege (S. 8-2).
Nienhaus, A., Drechsel-Schlund, C., Schambortski, H., & Schablon, A. (2016). Gewalt und Diskriminierung am Arbeitsplatz. Gesundheitliche Folgen und settingbezogene Ansätze zur Prävention und Rehabilitation. Bundesgesundheitsblatt 2016, 59:88-97.
Suhr, R. (2015). Pflege ohne Gewalt. Gesundheit und Gesellschaft, 18(7‐8), 22‐28.

AKTUALISIERT
am 8. Dezember 2017

AUTOREN
D. Sulmann, D. Väthjunker

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