Häufigkeit

Wie oft kommt Gewalt in der Pflege vor?

Wie häufig es in der Pflege zu Gewalt kommt, ist nicht genau bekannt. Doch sicher ist: Gewalt in der Pflege ist ein relevantes Problem. Fachleute gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.

Erforschung von Gewalt in der Pflege

Es ist schwierig, die Häufigkeit von Gewalt in der Pflege zu erforschen. Das hat mehrere Gründe: Gewalt kommt in ganz unterschiedlicher Weise vor. Mitunter wird sie als solche auch nicht erkannt. Außerdem kann es sein, dass über Vorfälle nicht gesprochen wird, zum Beispiel aus Angst oder Scham.

Pflegebedürftige Menschen können zudem nur selten direkt zu ihren Gewalt-Erfahrungen befragt werden. Gerade Menschen mit Demenz sind nur eingeschränkt auskunftsfähig. Daten zu Gewalt in der Pflege werden daher häufig über Befragungen von Pflegenden und Versorgungs-Einrichtungen erfasst. Die Ergebnisse können aber in der Regel nicht verallgemeinert werden, das heißt sie sind nicht repräsentativ. Die Antworten der Befragten hängen auch sehr davon ab, wie die Fragen gestellt wurden. Zum Beispiel: Wird nach ihrem eigenem Gewalt-Verhalten gefragt, antworten die Befragten wahrscheinlich nicht immer ehrlich. Über ihr negatives Verhalten möchten viele Menschen nicht alles berichten. Daher sind die Zahlen aus verschiedenen Studien oft verzerrt und zudem nicht direkt vergleichbar.

International gibt es wenige Studien, die spezifisch Gewalt in der Pflege beleuchten. Vielmehr wird sie als Sonderfall der Forschung zur Gewalt gegen Ältere thematisiert. Dennoch  gibt es Anhaltspunkte aus verschiedenen Studien wie häufig Gewalt in der Pflege in Deutschland vorkommt.

Zahlen zur Häufigkeit von Gewalt in der Pflege

Gewalt in der professionellen Pflege

In einer älteren schriftlichen Befragung von Pflegenden in stationären Einrichtungen in Hessen (1999/2000) berichteten dies sogar rund 72 Prozent. Am häufigsten waren psychische Misshandlung, pflegerische und psychosoziale Vernachlässigung. Aber auch physische Misshandlung bis hin zu mechanischer und medikamentöser Freiheitseinschränkung wurden genannt. Sexuelle Übergriffe wurden nicht berichtet.

In einer Studie des ZQP im Jahr 2017 wurden 250 Pflegedienstleitungen und Qualitätsbeauftragte zu dem Thema befragt. Die Hälfte von ihnen gab an, dass Konflikte, Aggression und Gewalt in der Pflege die stationären Einrichtungen vor ganz besondere Herausforderungen stellen. Nach Einschätzung der Befragten sind die häufigsten Gewaltformen verbale Aggressivität, Vernachlässigung und körperliche Gewalt.

Wie oft kommt Gewalt in der Pflege vor?

Laut dem Qualitätsbericht des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) von 2017 wurden bei etwa 9 Prozent der stationär versorgten pflegebedürftigen Menschen freiheitsentziehende Maßnahmen angewendet. Diese gelten als spezielle Gewaltform. Studien legen den Schluss nahe, dass hierbei häufig ruhig-stellende Medikamente eingesetzt wurden.

Auch Pflegende erfahren Gewalt. Sie sind vor allem verbalen Angriffen ausgesetzt, aber auch körperliche Gewalt kommt immer wieder vor – insbesondere in der stationären Pflege. Ein erhöhtes Risiko haben Pflegende, die Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Verhaltens-Störungen betreuen.

Gewalt in der Familie

Gewalt kommt auch in der häuslichen Pflege vor. Wenn pflegende Angehörige in Befragungen von unangemessenem Verhalten gegenüber einer pflegebedürftigen Person berichten, handelt es sich meist um verbale Aggressionen. Von körperlicher Gewalt wird seltener berichtet.

2018 gaben in einer ZQP-Studie 32 Prozent der über 1000 befragten pflegenden Angehörigen an, psychische Gewalt gegen die pflegebedürftige Person angewendet zu haben. 12 Prozent berichteten von körperlicher Gewalt, 11 Prozent von Vernachlässigung. Etwa die Hälfte hat aber auch schon psychische Gewalt seitens der pflegebedürftigen Person erfahren, zum Beispiel durch Anschreien oder Beleidigen. 11 Prozent haben körperliche Gewalt wie grobes Anfassen oder Schlagen erlebt.

Wie oft kommt Gewalt in der Pflege vor?

Gewalt zwischen Heimbewohnern und Heimbewohnerinnen

Es gibt international auch einige Studien, die Aggressionen zwischen Bewohnerinnen und Bewohnern von stationären Einrichtungen untersuchen. Das erste Projekt dazu in Deutschland wird zurzeit gemeinsam vom ZQP und der Deutschen Hochschule der Polizei (DHPol) durchgeführt. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) fördert das Projekt.

QUELLEN
Castle, N., Ferguson‐Rome, J. C., & Teresi, J. A. (2015). Elder abuse in residential long‐term care: An update to the 2003 National Research Council report. Journal of Applied Gerontology, 34, 407‐43.
Eggert, S., Schnapp, P., & Sulmann, D. (2017). ZQP-Analyse: Gewalt in der stationären Langzeitpflege. In Zentrum für Qualität in der Pflege (Hrsg.), Gewaltprävention in der Pflege (S. 13-24).
Görgen, T. (2017). Wissen über das Phänomen Gewalt in der Pflege. In Zentrum für Qualität in der Pflege (Hrsg.), Gewaltprävention in der Pflege (S. 8-2).
Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes der Krankenkassen (MDS) (2017). Qualität in der ambulanten und stationären Pflege: 5. Pflege-Qualitätsbericht des MDS nach § 114a Abs. 6 SGB XI. Essen: Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen.
Nienhaus, A., Drechsel-Schlund, C., Schambortski, H., & Schablon, A. (2016). Gewalt und Diskriminierung am Arbeitsplatz. Gesundheitliche Folgen und settingbezogene Ansätze zur Prävention und Rehabilitation. Bundesgesundheitsblatt 2016, 59:88-97.
Suhr, R. (2015). Pflege ohne Gewalt. Gesundheit und Gesellschaft, 18(7‐8), 22‐28.

AKTUALISIERT
am 6. August 2019

AUTOREN
D. Sulmann, D. Väthjunker