Demenz

Welche Bedeutung hat Gewaltprävention bei Demenz?

Menschen mit Demenz verhalten sich krankheitsbedingt teilweise so, dass ihre Pflege besonders anstrengend sein kann. Beispielsweise können massive Unruhe und zum Teil auch Enthemmung oder Aggressivität ihr Umfeld stark herausfordern. Pflegebedingte Belastungen, aber auch andere Probleme wie Depression oder Substanzmissbrauch sind Risikofaktoren dafür, dass Pflegende gewaltsam gegen Menschen mit Demenz handeln. Wer eine demenzielle Erkrankung hat, dessen Risiko ist erhöht, Opfer von Missbrauch, Misshandlung oder Vernachlässigung im Alter zu werden.

Demenz und Gewalt

Demenz ist der Oberbegriff für ein Symptombild einiger Krankheiten, die das Gehirn betreffen und geistige, emotionale sowie soziale Fähigkeiten beeinträchtigen. Es werden mehrere Demenzformen voneinander unterschieden – fast alle davon sind derzeit nicht heilbar. Jedoch können Demenzverläufe teilweise beeinflusst bzw. Symptome gelindert werden. Die Alzheimer-Demenz ist die häufigste Form. Das Risiko, daran zu erkranken, steigt mit dem Alter an und ist für sehr betagte Menschen entsprechend hoch. Wer mit einer Demenz lebt, benötigt meist im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung Pflege.

Die Zahl von Menschen mit Demenz nimmt weiter zu: Etwa 1,8 Millionen sind hierzulande daran erkrankt. Der Großteil von ihnen wird in der häuslichen Umgebung von Angehörigen versorgt. Sich um einen Menschen mit Demenz zu kümmern, kann sehr anstrengend und erschöpfend sein. Pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz sind insbesondere psychisch oft stark belastet.

Was bedeutet Gewalt im Kontext Demenz?

Ein Thema, über das eher ungerne gesprochen wird, ist aggressives und gewaltsames Verhalten im Zusammenhang mit der Pflege von Menschen mit Demenz. Dabei machen sowohl viele Menschen mit Demenz als auch Pflegende Gewalterfahrungen – und zwar in allen Pflege-Settings. In der stationären Versorgung kommt es hierbei auch zu Gewalt zwischen pflegebedürftigen Personen, wobei bei Täterinnen und Tätern und Opfern nicht selten kognitive Einbußen vorliegen.

Verschiedene Gewaltformen werden voneinander unterschieden, etwa psychische Misshandlung, körperliche Übergriffe, Vernachlässigung, finanzielle Ausbeutung und sexuelle/sexualisierte Gewalt. Freiheitsentziehende Maßnahmen werden teilweise unter physischer Gewalt subsumiert, teilweise als eigene Form verstanden.

Gewalthandlungen gegen Menschen mit Demenz müssen nicht absichtlich erfolgen und nicht zwangsläufig strafrechtliche Delikte darstellen. Sie bedrohen aber eklatant die Lebensqualität von Menschen mit Demenz wie auch die ihrer Angehörigen, sind gesundheitsgefährdend, belasten häusliche Pflege-Settings und mindern nicht zuletzt die Qualität von professioneller Versorgung.

Wie häufig kommt Gewalt gegen Menschen mit Demenz vor?

Gewalt gegen Menschen mit Demenz bleibt oft unbemerkt oder wird verkannt. Opfer sind aufgrund ihres kognitiven Status darin eingeschränkt, von Vorfällen zu berichten bzw. Hilfe zu suchen; ihnen wird zum Teil nicht geglaubt und entsprechende Übergriffe werden womöglich bagatellisiert, umgangssprachlich gesagt: heruntergespielt. Auch deswegen bleiben Einschätzungen zu Häufigkeiten und den genauen Zusammenhängen des Phänomens ungenau. Dazu tragen weitere verschiedene methodische Herausforderungen sowie Einschränkungen in Bezug auf die Güte entsprechender Studien bei. Entsprechende Ergebnisse müssen also vorsichtig interpretiert werden.

Angaben dazu, wie häufig Personen mit kognitiven Einbußen bzw. demenziellen Erkrankungen (z. B. einer Alzheimer-Demenz) Opfer von Gewalt werden, reichen international von 0,3 bis 78,4 Prozent für die häusliche Pflege oder Versorgung bzw. von 8,3 bis 78,3 Prozent für stationäre Pflegeeinrichtungen wie etwa Pflegeheime. Personen, die zur Gruppe älterer Menschen gehören und geistige Probleme haben, werden also demnach im Durchschnitt häufiger Opfer von Gewalt als die Allgemeinbevölkerung im selben Altersbereich.

Was ist über Risikofaktoren für Gewalt gegen Menschen mit Demenz bekannt?

Demenz ist ein Risikofaktor dafür, Opfer von Missbrauch, Misshandlung oder Vernachlässigung im Alter zu werden. Für einzelne Gewaltformen ist der Zusammenhang zwischen Opferwerdungsrisiko und einer Demenz in Studien bisher nicht durchgängig identifiziert worden. Umgekehrt liefert eine japanische Längsschnittstudie Hinweise darauf, dass finanzielle Ausbeutung eine Demenz begünstigen könnte.

Die Untersuchung bestimmter Merkmale von älteren pflegebedürftigen Personen, ob diese mit einem erhöhten Risiko verbunden sind, Opfer zu werden, ergeben in mehreren Studien einen solchen Zusammenhang. Dies gilt insbesondere für kognitive Einbußen, herausforderndes Verhalten, funktionelle Verluste und psychische Probleme bzw. Erkrankungen.

Studien, die versuchen, bestimmte Merkmale als Risikofaktoren für Gewaltverhalten von Pflegenden zu identifizieren, beziehen sich meist auf informell Pflegende. Diese Untersuchungen deuten vor allem auf einen Zusammenhang von Gewalthandlungen mit der pflegerischen Belastung („caregiver burden“) und verschiedenen psychischen Problemen bzw. Erkrankungen wie etwa Erschöpfung, insuffizienten Copingstrategien und Depression.
Auch Beziehungsaspekte und andere Kontextfaktoren der Pflegesituation sind teilweise unter dem Gesichtspunkt ihrer Risikobedeutung für Konflikte und potenziell schädigendes bzw. gewaltsames Verhalten untersucht worden – mit bisher eher uneinheitlichen Ergebnissen.

AKTUALISIERT
im Dezember 2022

AUTOR
Dr. rer. medic. S. Eggert