Hintergrundinformationen zu Gewalt in der Pflege

Was Gewalt in der Pflege ist

Gewalt fängt dort an, wo

persönliche Grenzen bewusst

überschritten werden.

Gewalt ist facettenreich und nicht immer eindeutig zu erfassen. Dies liegt unter anderem daran, dass das Verständnis von Gewalt stark vom sozialen, kulturellen und historischen Kontext und nicht zuletzt von der persönlichen Einschätzung abhängt. So spielen unter anderem vorherrschende gesellschaftliche Normen und das Empfinden persönlicher Grenzüberschreitungen eine wichtige Rolle bei der Beurteilung dessen, was als Gewalt empfunden wird. Zudem kann Gewalt auf ganz unterschiedlichen Ebenen auftreten, beispielsweise auf psychischer, körperlicher, finanzieller oder struktureller Ebene, etwa in Form von Diskriminierung.

 

Gerade weil die Erscheinungsformen und die Wahrnehmung von Gewalt nicht immer eindeutig sind, bedarf es einer offenen Diskussion, um gewalttätiges Handeln zu erkennen und zu verhindern, ohne zu stigmatisieren. Dabei ist es hilfreich, sich auf einen gemeinsamen Gewaltbegriff zu verständigen. Eine allgemein anerkannte Definition formuliert die Weltgesundheitsorganisation (WHO):

 

„Gewalt ist der absichtliche Gebrauch von angedrohtem oder tatsächlichem körperlichem Zwang oder physischer Macht gegen die eigene oder eine andere Person, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft, der entweder konkret oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden, Fehlentwicklung oder Deprivation führt.“

 

Diese Definition umfasst zwischenmenschliche Gewalt ebenso wie selbstverletzendes Verhalten und schließt sowohl angedrohte Gewalt als auch direkte körperliche Gewalthandlungen ein. So gehen auch die Folgen von gewalttätigem Handeln über körperliche Verletzungen hinaus und beinhalten ebenfalls psychische Schäden.
Auch wenn unser Rechtssystem auf einem allgemeinen Gewaltverbot basiert, gibt es bestimmte Ausnahmen, bei denen Formen der Gewaltanwendung nicht rechtswidrig und ohne strafrechtliche Konsequenzen sind. Dazu gehören Situationen der Notwehr sowie Fälle des sogenannten unmittelbaren Zwangs, so zum Beispiel bei richterlich angeordneten Maßnah-men des Freiheitsentzugs (freiheitsentziehende Maßnahmen).

 

Während die Themen Gewalt gegen Frauen oder Kinder mittlerweile in der Gesellschaft erhöhte Aufmerksamkeit erfahren und ihnen mit großem Engagement begegnet wird, findet der Aspekt Gewalt gegenüber älteren und insbesondere pflegebedürftigen Menschen noch eine untergeordnete Beachtung. Dies kann verschiedene Gründe haben: Zum einen haben ältere pflegebedürftige Menschen (gerade auch demenziell erkrankte Personen) oftmals nicht die Möglichkeit, ihre Stimme zu erheben und problematisches Verhalten an geeigneter Stelle zu melden. Dabei sind gerade ältere und pflegebedürftige Menschen aufgrund von Abhängigkeitsverhältnissen und Hilfebedarf besonders gefährdet, Opfer von Gewalt zu werden.

Zum anderen finden Pflege und Betreuung ganz überwiegend in nicht öffentlichen Bereichen statt und entziehen sich in problematischen Situationen damit auch weitestgehend dem Eingriff von außen.

 

Die WHO definiert Gewalt gegenüber älteren Menschen folgendermaßen:

 

„Unter Gewalt gegen ältere Menschen versteht man eine einmalige oder wiederholte Handlung oder das Unterlassen einer angemessenen Reaktion im Rahmen einer Vertrauensbeziehung, wodurch einer älteren Person Schaden oder Leid zugefügt wird.“

 

Diese Definition schließt hierbei bewusst auch das Unterlassen bestimmter Maßnahmen ein – ein Aspekt, der insbesondere im Kontext von hilfebedürftigen Gruppen, wie älteren, pflegebedürftigen Menschen, eine wichtige Rolle spielt. Explizit nennt die Definition der WHO auch das bestehende Vertrauensverhältnis zwischen der potenziellen Täterin beziehungs-weise dem potenziellen Täter und dem potenziellen Opfer – dies unterstreicht, dass besonders im Kontext Pflege eine sehr differenzierte Betrachtungsweise von Gewalt von Nöten ist.

 

Eine exakte Angabe zur Häufigkeit von Gewalt in pflegerischen Beziehungen ist schwierig; die Dunkelziffer ist hoch, denn Gewalt ist ein verbreitetes Phänomen. So gab beispielsweise in einer repräsentativen Studie der gemeinnützigen Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) im April 2014 ein Fünftel der Befragten an, bereits mit gewaltbehafteten Situationen im Kontext Pflege in Berührung gekommen zu sein.

 

In der Pflege kann aggressives und gewalttätiges Verhalten in verschiedenen Erscheinungsformen auftreten – sowohl gegen Pflegebedürftige als auch gegen Pflegende. Die folgende Übersicht gibt Beispiele für problematische Situationen mit erhöhtem Gewaltpotenzial sowie für konkrete aggressive und gewalttätige Handlungen in der Pflege und Betreuung.

Beispiele für Erscheinungsformen von Gewalt in der Pflege

 

Unmittelbare körperliche Gewalt:

Schlagen, Schütteln, Kratzen, mechanische Fixierung (z. B. Einsatz von Gurten), Entzug körperlicher Hilfsmittel (z. B. Wegnahme des Rollators)

 

Medikamentenmissbrauch:

nicht indizierte oder nicht ärztlich verordnete Medikamentengabe, in der Regel zur Ruhigstellung

 

Sexueller Missbrauch:

Missachtung der Intimsphäre, nicht einvernehmliche Intimkontakte, sexuelle Andeutungen

 

Emotionale oder psychische Gewalt:

verbale Aggression, Schreien, Schimpfen, Ignorieren, Handeln gegen den Willen, Androhung von Gewalt, Demütigungen, Beleidigungen, Manipulation, Missachtung der Privatsphäre

 

Finanzielle Ausbeutung:

unbefugte Verfügung über persönliches Vermögen, Überre-dung/Nötigung zu Geldgeschenken, Entwenden von Geld/Wertgegenständen

 

Vernachlässigung:

Unterlassen von notwendigen Hilfen im Alltag, Unzureichende medizinische Versorgung (z. B. mangelhafte Wundversorgung), mangelhafte Pflege (z. B. schlechte Hygiene), Nahrungs- oder Flüssigkeitsentzug

 

Hier finden Sie die „Merkhilfe: Was Gewalt sein kann“ zum Download.

 

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